Amerikas Geheimplan
Freitag, 04.03.20003
KRIEGSPSYCHOLOGIE
Der Mülheimer
Theaterregisseur Roberto Ciulli über den Krieg gegen den Irak
Heinz-Norbert
Jocks:
Herr Ciulli, Sie waren jahrelang
mit dem »Theater an der Ruhr« im Irak und Iran auf Tournee. Was kann man
jetzt noch gegen den Krieg tun?
ROBERTO CIULLI: Ich
war gerade in Marokko, Tunesien und Algerien. Dort traf ich Hédi Khélil,
einen arabischen Intellektuellen, der sich in seinem Buch „De l´extranéité
à l´alterité“ mit Jean Genet befasst hat. Er ist jetzt nach Bagdad
geflogen.
Mitten im
Krieg?
Ein selbstbewusster
wie medienbewusster Mensch kann sich nur dafür entscheiden. Was bleibt uns
jetzt noch, wo wir das Gefühl von Ohnmacht verspüren?
Es stellt sich ja die Frage, wie man diesen Wahnsinn
des Krieges stoppt, ohne naiv zu sein.
Die einzige
Möglichkeit, die ich wirklich sehe, ist, dass zwei Millionen Menschen nach
Bagdad gehen. Natürlich ist das naiv, denn es wird nicht passieren. Klar,
es gab einige, die das getan haben, aber viel zu wenige. Sie verliessen
noch vor dem ersten Angriff das Land, weil sie nur eine Minderheit waren.
Grundsätzlich ist die Frage, warum wir nicht den Mut dazu haben, das Recht
des Menschen auf Leben im Irak zu verteidigen. Das Problem ist, dass wir
alle, die wir in der westlichen Welt leben, theoretisch auf die
Verteidigung universeller Prinzipien programmiert sind und uns dafür
verbal engagieren.
Wie sehen Sie die Hintergründe
des Krieges gegen den Irak?
Nun was ist da
eigentlich passiert? Erst einmal haben wir akzeptiert, was da vor sich
gegangen ist, wenn auch einige anfangen, aufmerksamer hinzuschauen und
hinzuhören. Vieles, was sich da in Verbindung mit dem 11. September
ereignet hat, ist ja höchst seltsam. Das fängt mit den Angriffen auf
Afghanistan an. Man weiss, dass der amerikanische Geheimdienst von der
Möglichkeit eines Anschlags wusste. Dazu wurden Bücher publiziert. Seltsam
waren die verspäteten Reaktionen auf die Flugzeugangriffe auf das World
Trade Center und das Pentagon. Dazu gibt es eine Theorie, welche die
gesamte Reaktion in Frage stellt. Wir wissen von der Existenz eines
strategischen Papiers, und wir wissen auch, dass es nicht nur um das Öl
geht. Man möchte offensichtlich, dass wir denken, es ginge darum, damit
alle vernünftigen Menschen im Westen eines Tages es richtig finden, dass
für die Energie und damit für die Sicherung unserer Zukunft gekämpft wird.
Wenn sogar das ZDF über die früheren Tätigkeiten von Bush, Rumsfeld & Co
berichtet, so neige ich zu der Ansicht, diese Informationen werden bewusst
gestreut. Wenn man es nicht wollte, wüsste man es auch zu verhindern.
So werden wir getäuscht im Glauben, bestens informiert zu sein. Ich gehe
soweit, zu sagen, dass man uns weiss machen will, dass es nicht primär um
Menschenrechte geht, sondern um das Öl. Man liefert uns eine plausible
Erklärung, die den eigentlichen Grund für die grausame amerikanische
Invasion verdeckt. Das strategische Papier, von dem ich
spreche, ist viel älter als der Krieg. Es stammt aus der Zeit, da Bushs
Vater Präsident der USA war.
Darin geht es um einen geopolitischen Plan
der amerikanischen Supermacht für die nächsten 20 Jahre, bis sie sich mit
einer neuen Situation konfrontiert sieht. Dieser sieht vor, nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion strategisch wichtigen Boden einzunehmen,
zudem die Schaffung von Präzedenzfällen im Namen der Menschenrechte. Im
Grunde ist das ein Beispiel für eine Art Manipulation seitens einer
westlichen Demokratie amerikanischen Stils. Man tut so, als intervenierte
man im Namen der Menschenrechte. Aber eigentlich geht es um etwas ganz
anderes.
Worum?
Der Krieg gegen den Terrorismus ist eine Konzeption. Sie ermöglicht es,
überall, und insbesondere in einem bestimmten Teil der Welt, einzugreifen.
Das zweite Land, das auf der Abschussliste steht, ist Iran. Amerika
braucht nur zu deklarieren, dort hielten sich Terroristen versteckt, das
genügt bereits als Grund für den nächsten Krieg. Eine Supermacht, die sich
das Recht nimmt, Krieg im Namen dieser Prinzipien zu führen, kann, wann
immer sie will, ein Land angreifen.
Dieser Strategie stand das Alte Europa im Wege. Genauer gesagt,
der Gedanke von Immanuel Kant, wonach wir ein Minimum an Rechten
etablieren müssen, an das sich alle gebunden fühlen. Nicht nur die
Schwachen, auch die Mächtigen. Genau dieser Gedanke stellte ein Hindernis
dar. Wenn da nicht die Polarisierung zweier Kräfte, hier das Alte Europa,
dort Amerika, wäre, die sich gegenseitig blockieren, wäre die Geschichte
der UNO weitergegangen. Im Grunde sahen die Amerikaner auch das bereits
voraus.
Es existiert ein Papier, das von der Annahme ausgeht, China werde in zehn
Jahren als Grossmacht so stark sein, dass es den USA die Stirn bietet. Die
Amerikaner wissen also, dass ihnen noch zehn Jahre bleiben, um
strategischen Boden zu gewinnen. Diese Zeit wollen sie, egal ob es gefällt
oder nicht, ganz massiv und frech, wie ich finde, nutzen, um sich auf die
Zeit vorzubereiten, da China Grossmacht wird.
Was läuft da psychologisch ab?
Natürlich lässt sich
da auch freudianisch deuten, wenn man sich die familiäre Situation vor
Augen führt. Das Ganze ist auch theaterreif lesbar als Familiengeschichte
eines missratenen Sohns des Präsidenten der Vereinigten Staaten, aus dem
nichts geworden ist, der als Finanzmann versagte, Alkoholiker war und dank
der Hilfe eines christlich fundamentalistischen Predigers geheilt wurde.
Dieser Versager erweist sich als Marionette bestimmter Interessen.
Er will es besser machen als der Vater. Das heisst, er versucht,
diesen zu übertreffen. Es ist unterhaltsam, diesen symbolischen Vatermord
so zu lesen. Diese Interpretation ist aber belanglos, weil dahinter etwas
ganz anderes steht, nämlich das Imperium, das einzige Weltmacht sein und
bleiben will.
Geht es nur darum, ein Gegengewicht
zur werdenden Grossmacht China zu schaffen?
Nein, aber da spielt
die Angst, besser die Projektion eine grosse Rolle, wonach China
Grossmacht wird. Diese Möglichkeit einer Konfrontation mit China wird
vorausgesehen. Deshalb will Amerika in Zentralasien und Arabien diese Form
der Präsenz. Psychologisch geht es dieser Grossmacht darum, sich
militärisch in Asien und Arabien massiv zu zeigen, statt sich
zurückzuhalten.
Wie bewertet die arabische Welt
den militärischen Schlag gegen die irakische Hauptstadt?
Bagdad ist ein
grosses Symbol der arabischen Welt. Sie ist die Brücke zu ihrem
universellen kulturellen Beitrag. Dort entstand die grösste Bibliothek.
Dort wurden die Griechen ins Arabische übersetzt. Für die Araber hat
Bagdad eine symbolische Bedeutung, weshalb sie die Angriffe darauf auch
anders werten. Diese empfinden sie als eine Erniedrigung. So, wie Rom
Zentrum des Christentums ist, so ist Bagdad das Zentrum der arabischen
Kultur und ihre Verbindung zur Welt.
Für die Amerikaner ist der Krieg
gegen Bagdad aber bestimmt keine symbolische Handlung.
Nein, sie denken nur
an die Entmachtung von Saddam Hussein. Es war völlig falsch, diesen
Menschen zu verteufeln. Was im Irak passiert, lässt sich nicht mit dem
alleinigen Hinweis auf die Angst aller vor dem Regime in Bagdad erklären.
Täglich wächst in den arabischen Ländern die Zahl derer, die auf der Seite
des Iraks kämpfen wollen.
Saddam Hussein ist der einzige, der es gewagt hat, auf Israel zu
schiessen. Das ganze Ungleichgewicht, das zwischen Israel und den
arabischen Ländern existiert, ist das Problem. Warum können die Israelis
jeden Tag in die palästinensischen Gebiete einmarschieren und
„Vergeltungsschläge“ verüben? Natürlich haben sie das
Problem mit dem Terrorismus. Wenn morgen Selbstmörder mit Sprengsätzen um
den Bauch zu uns kommen, was dann? Bombardieren wir Marrakesch, nur weil
wir hören, dass der Selbstmordattentäter in einem Kaufhaus in Düsseldorf
ein Marokkaner war? Was ist das für eine wahnwitzige Strategie? Wenn man
so handelt, gerät man in eine endlose Gewaltspirale. Es ist wunderbar,
dass der ehemalige britische Aussenminister Cook Blair dazu auffordert,
die Soldaten sofort zurück zu holen.
Inwieweit spiegeln sich Ihre
eigenen Erfahrungen vor Ort in Ihrer Beurteilung der Situation wider?
Ich habe
festgestellt, dass die im Irak lebenden Menschen aufgrund einer falschen
Entscheidung zugunsten eines zehnjährigen Boykotts 50 Jahre zurückverdammt
worden sind. Das ist das Schlimmste, was man einer Bevölkerung antun kann.
Sowohl bezogen auf die Kultur einer Stadt als auch auf die Lebensqualität.
Wer wie wir, also das Theater an der Ruhr, dort gewesen ist, hat die
schrecklichen Konsequenzen des Boykotts miterlebt. Da haben wir alle, auch
die Europäer, etwas unwiderruflich falsch gemacht. Denn ein Boykott trifft
immer nur die Bevölkerung und in dem Fall eine ganze Generation. Den
jungen Menschen wurden zehn Jahre ihres Lebens geraubt. Ihnen wurde die
Chance genommen, sich zu bilden. Das ist die Tragik. Beides, zehn Jahre
Boykott und Krieg, muss man im Zusammenhang sehen. Die Situation in diesem
Land vor dem ersten Golfkrieg war eine ganz andere. Es gab dort eine
Intelligenz. Gut funktionierende Universitäten. Und kulturelle
Institutionen. Die Besten verliessen ihr Land sofort. Das Gerede vom
sauberen Krieg dank intelligenter Bomben ist absoluter Blödsinn. Wenn es
möglich ist, wie behauptet wird, einen sauberen Krieg zu führen in
James-Bond-Manier, so frage ich mich, warum es nicht funktioniert. Meine
Antwort, weil man diesen Weg gar nicht gehen will. Es ist ja heute
durchaus möglich, das Militär völlig aus dem Spiel zu halten.
Militär und Kriege im 21. Jahrhundert sind der grösste Unfug.
Wenn man Bush und Blair dabei
beobachtet, wie sie mit Engelsgesichtern die Gerechtigkeit ihres Krieges
als christliche Botschaft verkünden, fragt man sich, ob sie glauben, was
sie sagen?
Natürlich ist der
Boden dieses Denkens christlich fundamentalistisch. Bush gehört der in
Amerika starken Richtung eines fundamentalistischen Christentums, also
diesem Predigertum an. Er gibt sich jedenfalls als gottgläubigen Menschen.
Darin unterscheidet er sich nicht gross von dem Fundamentalismus, den er
bekämpft. Jemand wie Bush bezieht, glaube ich, seine ganze Kraft aus
diesem Denken. Er ist davon überzeugt, auf der gerechten Seite zu stehen.
Wieso wirkt das so stark auf die
amerikanische Bevölkerung?
Wirkt das wirklich
so ungebrochen? Es ist schwierig zu sagen, wie es wirkt.
Es gibt dort auch eine Opposition, die so klein nicht ist.
Auch die Intelligenz ist dagegen. Nehmen Sie nur einen Schauspieler wie
Dustin Hoffmann, er ist einer von Tausenden, also keine Ausnahme. Mir
fällt dazu ein Paradox ein. Wir sahen das amerikanische Mädchen, eine
Schwarze in irakischer Gefangenschaft, die völlig schockiert war. Sie ist
eine der 90’000 allein erziehenden jungen Mütter, die in der
amerikanischen Armee dienen. Vor dem Hintergrund versteht man den
verängstigten Ausdruck in ihrem Gesicht. Sie ist sich ihrer Rolle als
Soldatin nicht bewusst. Übrigens war Bushs letzte Rede vor dem Militär
aufschlussreich. Wenn Sie schauen, vor wem er sprach, so haben sie es nur
mit Immigranten zu tun. 37 Prozent kommen aus Guatemala, Mexiko,
Südamerika. Unter den amerikanischen Offizieren haben nur zwölf einen
Abschluss von Yale.
Was bedeutet das?
Die amerikanische Armee setzt sich wie die irakische aus armen Leuten
zusammen. Es gibt keine Reichen in der amerikanischen Armee.
Allenfalls eine Minderheit unter Offizieren und Generälen
stammt aus besseren Verhältnissen. Vor fünfzehn Jahren gab es in Amerika
ein Gesetz, wonach man sich mit 100 Dollar vom Dienst bei der Armee
freikaufen kann. Ich erinnere eine Szene, die ich in Peru im Fernsehen
sah. Da bekämpften sich auf der Autobahn um Lima die Armen der
Gesellschaft mit Waffen, und ich fragte mich, was da los ist. Die Polizei
stand dabei, ohne sich einzumischen. Den Ärmsten der Armen, die vor Lima
in selbstgebauten Hütten leben, standen die noch Ärmeren gegenüber, die
nicht einmal ein solches Dach über den Kopf haben. Die Polizei hetzte
beide Gruppen aufeinander und schaute zu, weil die dort Angesiedelten die
Stadt gegen jene verteidigen, die versuchen, sich dort niederzulassen.
Auch Amerika schickt seine Armen als Soldaten in den Krieg, und sie
kämpfen nun gegen die noch Ärmeren des Iraks.
Obwohl die Amerikaner den Krieg
so bewusst vorausgeplant haben, haben sie die Situation offenbar falsch
kalkuliert. Woher kommt der Rückhalt für Saddam Hussein im Irak?
Er basiert auf der
Vergangenheit. Viele glauben, dass Saddam vieles noch besser gemacht
hätte, wenn der Boykott ihn nicht daran gehindert hätte. Er hätte das Geld
einsetzen können für die Zukunft der Kinder. Es ist denn auch kein Zufall,
dass Saddam Bilder von täglich sterbenden Kindern zeigt. Er hat diese wie
vieles auch ideologisch benutzt. Die Bevölkerung glaubt, dass die sozialen
Missstände durch den Boykott verursacht wurden. Ich erinnere gerade die
fürchterlichen Berichte über Hunger in Bagdad.
Das erste, was ich erfuhr, als ich dort ankam, war, dass Hussein es
gleichwohl gelungen war, das Problem des Hungers zu lösen. Es gab keine
geplünderten Geschäfte. Selbst diejenigen, die sich als Kritiker des
Regimes von Saddam verstehen, bestätigten, dass da sehr gut organisiert
worden war. Also, vieles stellt sich ganz anders als angenommen dar, wenn
man vor Ort ist.
Dass die Hoffnung auf den triumphalen
Einmarsch so enttäuscht wurde, liegt daran, dass der Hass gegen die
reichen Amerikaner gross ist.
Fehlt uns ein Verständnis der
arabischen Kultur?
Wir haben uns nicht
genügend mit der zwischen Okzident und Orient in den letzten Jahren
geschriebenen Geschichte beschäftigt. Wir wissen zu wenig über die
Kreuzzüge aus der Sicht der Araber. Der Islam, der andere Teil der Welt,
hat das, was in unseren Geschichtsbüchern steht, spiegelverkehrt erlebt.
... und steht der Wahrheit wahrscheinlich näher!
(tst)
Das Gespräch wurde geführt von
Heinz-Norbert Jocks
>
diese Markierungen von
T.Steinemann
Wer einigermassen weiss, was
freigesetzte Radioaktivität für Mensch und Umwelt bedeutet (man denke
zurück an Tschernobyl und Folgen), kann sich ausmalen was passieren würde,
wenn die USA im Nahen Osten ein nukleares Inferno auslöst, wie es
verschiedene Propheten "vorausgesagt" haben. Wenn alles so weiter gehen
würde, wie es sich die Schwerverbrecher in Washington fortlaufend
ausdenken, so müsste die Erdbevölkerung nach dem kurzen Atomkrieg mit
einer derart hohen radioaktiven Verseuchung rechnen, dass die nördliche
Hemisphäre unseres Planeten auf längere Zeit nicht mehr bewohnbar wäre.
Und das darf nicht sein!
Dies ist einer der Gründe, warum ich mit vielen anderen
"Aufgeweckten" systema-tische Aufklärung mache, auch wenn ich seit Jahren
Tage und Nächte lang immer wieder meine schönste Freizeit dafür opfern
musste...
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