Sylvia Steinemann-Röthlisberger

Situationsberichte aus dem Spital

> Vorgeschichte

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Sonntag, 27.Dezember

Als ich heute kurz nach 11h in die Abteilung C5 kam, wo Sylvia liegt, war schon ihre Tochter mit Familie dort zu Besuch. Um 13h war mit dem Belegarzt ein eingehendes Gespräch zwischen ihm, Sylvias Tochter und mir möglich. Sie legte ihm nahe, Sylvia raschmöglichst in das anthroposophisch/ medizinisch geführte Paracelsus Spital in Richterswil zu verlegen, wo sie wohnt und ihre Mutter täglich besuchen könnte.  Der Arzt aber meinte, dass eine Verlegung in die Rehabilitationsklinik Valens eher infrage komme, da das Kantonsspital mit dieser Klink zusammenarbeitet und diese für Neurologie-patienten eingerichtet sei.

Ich andererseits versuchte dem Arzt klar zu machen, dass Sylvia seit Jahrzehnten sich selbst thera-pierte, wenn sie erkrankte und dass sie (wie ich ja auch) regelmässig Ernährungsergänzungs-Produkte einnahm, welche uns Beide vital, gesund und leistungsfähig halten, die ihr aber nun fehlen und statt-dessen einen Medikamentenmix per Infusion erhält, der sie nach meiner Meinung zusehends schwächt, schon weil sie Medikamente schlecht verträgt und viel zu stark darauf reagiert. Ich äusserte mich auch sehr kritisch zur (wie ich den Eindruck erhielt) herunter medikamentierten Körpertemperatur.

Nun, das medizinische Personal im Kantonsspital macht aus deren Sicht bestimmt das Beste und die Schwestern nehmen sich Sylvia liebevoll und fachgerecht an.

Die Kinder bestaunten mit ihrem Vater inzwischen in der Cafeteria durch das Panoramafenster zwei Helikopter, die landeten und wieder starteten. Vom einen Heli wurde eine Isolette mit einer Frühgeburt ins Spital gebracht:

Um 14.30h verabschiedete auch ich mich von Sylvia mit sehr ungewissen Gedanken.

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Montag, 28.Dezember

Am Vormittag hatte ich erst mal eine Reihe von Besorgungen zu tätigen für Küche und Büro (sehr gute Artikel im Sonderangebot zum halben Preis und darunter, welche ich mir bisher nicht leisten konnte).

Ausserdem meldete ich mich bei der Subaru-Werkstätte und erhielt die Auskunft, dass der Ersatz des defekten Rückspiegels nicht so billig ist, weshalb ich nun doch einen Rapport vom Wildhüter benötige, der mir die Kollision mit dem Hirsch bestätigen wird.

Heute war ich nur gut eine Stunde bei Sylvia und war erschüttert zusehen zu müssen, wie sich zwei Krankenschwestern abmühen mussten um sie zur Toilette bringen zu können, wo sie auf dem Klo sofort einschlief und träumte, wie sie mir nach wohl schon 10 Minuten flüsterte.  Zurück ins Bett wieder mit den beiden Hilfen, spielte ich Sylvia dann wieder einige Melodien vor und sagte ihr, dass ich von meinem Bruder und seiner Frau zum Abendesseneingeladen sei und deshalb gehen müsse.

Da strahlte Sylvia erstmals seit Tagen wieder einmal auf und konnte mir sogar recht deutlich sagen, dass ich "ganz liebe Grüsse an Beide ausrichten" soll. Und daraufhin sah sie mich seit vielen Tagen erstmals wieder einmal mit offenen Augen an.  Dies gibt mir Hoffnung, dass ein baldiger Ausweg aus dieser Situation doch möglich sein wird.

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Dienstag, 29.Dezember

Heute habe ich die letzten zwei Tage nachgeführt in Sylvias Webseite, sowie administrative Abklä-rungen mit der Krankenkasse und der REGA erledigt.

Nun hat mir Sylvias Tochter aus dem Kantonsspital angerufen, dass sie mit ihrer Familie heute noch-mals bei ihrer Mutter sei, weil es ihr täglich schlechter gehe und sie nachher zusammen mit den Kin-dern und ihrem Mann nach Siat kommen wolle. 

Von Sylvia sei am Morgen noch ein weiteres EEG (Gehirnströme-Messung) gemacht worden. Sie sei sehr weit weg und kaum ansprechbar, sodass ich auf einen Besuch verzichten und sie mir dann genau erzählen könne, was sie daselbst erlebt. 

So konnte ich also noch einige dringliche Besorgungen in Ilanz machen, z.B. die neuen, wenigstens von mir unterzeichneten Mietverträge für unsere Liegenschaft im Treuhandbüro abliefern usw.

Mit Sylvias Tochter und ihrer Familie haben wir dann ein gemeinsames Abendessen haben können, zubereitet von ihrem Mann.

Vorher sprachen wir nochmals telefonisch mit der Ärztin, die uns unaufgefordert anrief und uns Anhalts-punkte gab für allenfalls notwendige Entscheidungen für die kommenden Tage und Wochen. Erstmals gab sie uns nämlich zu verstehen, dass Sylvias Gehirn durch einen Herpesvirus angegriffen wurde, der allerdings durch die Therapie eliminiert wurde, aber die Patientin möglicherweise bereits mit bleiben-den ernsthaften Schäden rechnen muss. Inwieweit sich diese Befürchtung bestätigen wird, werden die nächsten Tage zeigen.  Hoffen wir wie immer für Sylvia das Beste - so oder so !

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Mittwoch, 30. Dezember

Sylvias Tochter hat in Anbetracht des bedenklichen Zustandes von Sylvia die Nacht bei ihrer Mutter in ihrem Spitalzimmer verbracht und auch den ganzen heutigen Tag. Dank ihrem Einsatz konnte ich über Mittag einen sehr wichtigen Besuch im Tessin wahrnehmen, der schon lange im voraus geplant, aber plötzlich unumgänglich wurde, wie es sich heute auch herausgestellt hat.

Unangemeldet erschien bei meinen Freunden der geistesgestörte Ex-Freund der Frau und bedrohte sie mit Totschlag an ihrem Sohn. Durch meine vermittelnde Anwesenheit und durch umgehende Information der Polizei, welche sofort mit einer vierköpfigen Eingreiftruppe erschien, konnte ein Mord durch diesen Ex-Freund am anwesenden Sohn, verhindert werden.

Der Vorfall konnte Dank mir als bisher Unbeteiligter im anschliessenden Polizeireport dokumentiert werden und wird nun zur Folge haben, dass die Polizei eine konkrete Handhabung gegen den Ex-Freund hat um ihm ein absolutes Hausverbot und ein Kantonsverbot zuzuweisen. Die beiden Betroffenen waren unglaublich dankbar um meine wohl "nicht ganz zufällige Anwesenheit" - auch die Polizei. Um 16h konnte ich den Rückweg einschlagen über den San Bernardino, der salznass gut befahrbar war.

Um 18h war ich wieder bei Sylvia im Kantonsspital Chur. Ihre Tochter traf ich in der Kantine an mit einem Cranio-Kollegen von Sylvia, welcher Sylvia schon in Österreich betreute, wo sie so ernsthaft erkrankte.

Wir Drei versuchten nochmals Sylvia anzusprechen, doch war äusserlich nicht mehr die geringste Reaktion zu erkennen.  Da sie nicht mehr essen kann, und ihre Körperfunktionen schon weitgehend ausser Kontrolle sind, muss sie nun mit einer Magensonde ernährt und mit einem Katheter entwässert werden.  Für mich war es ergreifend, sehen zu müssen, wie so eine vitale, intelligente Frau nun keine Kontrolle über sich mehr haben kann und so schnell ein 100%iger Pflegefall werden musste.

Ich versuchte Sylvia noch eine der von ihr am liebsten gehörten Melodien vorzuspielen, doch kamen mir selbst die Tränen der Hilflosigkeit im Gefühl, dass die Seele meiner Lebenspartnerin möglicherweise bereits auf dem Weg in ein besseres Jenseits ist und diese Melodie "Sehnsucht nach dem Norden" schon aus einer anderen Welt wahrnimmt...

Gegen 20h verabschiedete ich mich von der Schwerkranken und von Sylvias Tochter, die noch eine weitere Nacht bei ihrer Mutter verbringen und morgen dann wieder zu ihren Kindern heim fahren wird.

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Sylvester, 31. Dezember

Heute war Sylvias Tochter schon anwesend als ich um 9.10h ins Zimmer 30 kam, wo Sylvias Körper seit Tagen im Koma liegt und in Intensivpflege ist. 

Es ist für mich sehr bedrückend, zusehen zu müssen, wie dieser Körper noch mit dem Leben kämpft, mit Kurzatmung, absolutem Kontrollverlust und Schlaffheit der Glieder und nur noch künstlich ernährt werden kann.  Und wir stehen da um sie herum, hilflos und verzweifelt.

Sylvias Bruder und seine Frau kamen etwa um 10.30h dazu und eine Kollegin von Sylvia im Cranio-Berufsverband. Sie haben sich mit ihren besten Wünschen und Gedanken nochmals mit liebevollen Worten an die Darniederliegende gewandt und ich habe -  wohl noch ein letztes Mal -  einige Melodien auf Sylvias Schlüsselfiedel gespielt, bis ich nicht mehr konnte, weil auch ich von Tränen übermannt wurde und die Noten nicht mehr sah.

Wir haben dann noch zusammen drei Strophen aus dem Lied "Grosser Gott wir loben dich" gesung-en, mit meiner Begleitung auf dem schönen Instrument und uns dann gegenseitig verabschiedet.

Nach einem kleinen Mittagessen, allein im Spitalkorridor C5 habe ich dann auch den Heimweg ange-treten.  Der Abend zuhause war ausgefüllt mit der Bearbeitung der Bilder aus dem Spital für diese Sylvia-Seite und zu unserer Erinnerung an diese schwere Zeit und mit der Bereinigung und Fertigstell-ung eines "vertraulichen Briefes an den Gesamtbundesrat", den ich schon länger plante und vor-bereitete und noch vor Mitternacht an die Bundeshaus-Verwaltung mailte.

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*Letzte Bearbeitung dieser Seite am 15.01.2010