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Die US-Presse kommt
ins Schleudern:
"Die Zeit von Bush ist unweigerlich abgelaufen"
BUSH UND
DIE US-MEDIEN 14. Mai 2006
Nur noch tausend
Tage
Von Nils Minkmar
Kritik an der Irak-Politik,
am Atomstreit mit Iran - und jetzt auch noch der NSA-Abhörskandal: Das
Verhältnis der amerikanischen Medien zu Präsident George W. Bush ist in
eine neue dramatische Phase eingetreten.
Das Timing
könnte besser sein: Da bekommen Sabine Christiansen und die "Bild am
Sonntag" endlich mal eine Audienz beim Anführer der freien Welt, und genau
in diesen Wochen beginnt in den amerikanischen Medien die bisher
gründlichste und heftigste Demontage der Bush-Regierung.
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Bush (l., mit Doppelgänger Steve Bridges): Er steht neben sich
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Für zahlreiche deutsche
Kommentatoren ist das bitter, sie hatten die tröstliche Geschichte schon
im Kopf: Schröder und Chirac, die die amerikanische Regierung in
Misskredit bringen wollten, sind nun selbst in Misskredit geraten - der
eine in den opaken Untiefen der "Clearstream"-Affäre, der andere durch
seinen Job bei Gasprom -, nun kommt das charmante Trio
Merkel-Christiansen-Diekmann und "normalisiert" endlich die
deutsch-amerikanischen Beziehungen. Schön wär's gewesen.
Die
amerikanischen Medien verbreiten aber: Es gibt mit dieser Regierung keine
Normalität mehr. Die Leser der "New York Times" konnten schon Ende April
stutzig werden, als sich deren Aussenpolitikchef, der moderate, onkelhafte
Thomas Friedman, der jahrelang Woche um Woche darzulegen versuchte,
wie aus dem Irak-Krieg doch noch etwas Gutes herauskommen könnte, mit der
Frage der iranischen Nuklearrüstung befasste. Friedman teilte sein Urteil
schon im ersten Satz mit: "Ich lebe lieber mit einem atomar gerüsteten
Iran, als einen zweiten Krieg mit diesem Aussenpolitikteam zu erleben."
Dann ging
es weiter: "Bushs sicherheitspolitisches Team erinnert mich an einen
betrunkenen Autofahrer. Ich möchte ihnen ihren aussenpolitischen
Führerschein entziehen. Wenn wir eine parlamentarische Demokratie wären,
hätten Bushs Leute sämtlich ihre Ämter verloren - und zwar
verdientermassen." Als besonders beunruhigend empfindet Friedman die
nahezu autistische Monotonie der Erklärungen aus dem Weissen Haus. Man
könne den Eindruck gewinnen, der politische Apparat sei vom staatlichen
Handeln, ja von der Wirklichkeit entkoppelt.
Lou Dobbs, der bullige
Vorzeigekonservative des liberalen Nachrichtensenders CNN, wies in einem
Kommentar zu einem völlig anderen Thema auf genau denselben Punkt hin.
Dobbs beunruhigt die hohe Zahl der Schwarzarbeiter aus dem Pool der
illegalen Einwanderer. Richtig aufgebracht hat ihn freilich die brutale
Diskrepanz zwischen der Bush-Rhetorik, durch die auf neue Gesetze und
weitere kreative Massnahmen bis hin zum Einsatz der Nationalgarde
spekuliert würde - während die grossen Nutzniesser der illegalen
Beschäftigung, die grossen amerikanischen Firmen, völlig unbehelligt und
unkontrolliert blieben: "Seit 2001 wurden ganze 318 Personen wegen der
Beschäftigung illegaler Einwanderer verurteilt, die Kontrollen sind
praktisch inexistent." Dobbs' Schlussfolgerung: Was Bush sagt, hat nichts
mit dem zu tun, was der Staat macht.
"Was
macht er? Er macht nichts. Ich bin jetzt völlig gegen Bush",
zitiert
die "New York Times" einen Rentner aus dem Städtchen Monroe im Staat New
York, einen Republikaner, der zweimal für ihn gestimmt hat. Unter den
überzeugten Bush-Anhängern ist die demoskopische Entwicklung besonders
alarmierend - ein Verlust von 24 Prozent seit Januar 2005. Die
amerikanischen Medien ergehen sich in archäologischen Recherchen danach,
welcher Präsident schon einmal ähnlich schlechte Werte kassiert habe. Seit
einer Woche sparen sie sich das, denn noch nie seit dem Beginn seriöser
Demoskopie in den vierziger Jahren wurde ein derart niedriger
Zustimmungswert für einen zweimal gewählten Amtsinhaber gemessen. Es gib
eben keine Vorbilder und keine Normalität mehr in Sachen Bush.
Den
angesehenen Sozialhistoriker Sean Wilentz von der Universität Princeton
hat die Frage nach den historischen Vorbildern für solch ein Debakel
beschäftigt. In einer Titelgeschichte für den "Rolling Stone" geht er der
Frage nach, ob Bush womöglich der schlimmste Präsident sei, den die
Vereinigten Staaten je hatten. Schon seit vielen Jahren habe er, schreibt
Wilentz, mit seinen Historikerkollegen nach Feierabend die Frage
diskutiert, wer der schlimmste Präsident der Geschichte gewesen sei: James
Buchanan, Andrew Jackson oder eben doch Nixon? Allmählich sei Bush in
diese Liga geraten. Heute, schreibt Wilentz, bleibe nur noch abzuwarten,
ob er sich irgendwo auf den unteren Plätzen einreihe oder es doch noch
schaffe, als der definitiv schlimmste in die Geschichte einzugehen.
Wilentz arbeitet in dem langen Essay mit umgekehrter Beweisführung: Er
betrachtet das Trio der Besten - George Washington, Abraham Lincoln und
Franklin D. Roosevelt - und überlegt, was das Gegenteil davon sein könnte.
Bushs
Problem sei demnach nicht der enttäuschend verlaufende Krieg allein,
sondern dass er und sein Stab anders als die grossen drei nicht das Ideal
der überparteilichen Zusammenarbeit, einer gemeinsamen nationalen
Anstrengung bemühten. Nicht, dass seine Visionen für einen demokratischen
Nahen Osten unangemessen gewesen seien, mache ihn zu einem schlechten
Staatsmann, sondern dass er vorher die eigenen Fachleute und die
internationalen Institutionen übergangen und sich den Alliierten
entfremdet habe. Ausserdem qualifiziere ihn die ruchlose und durch kein
legislatives Mandat abgesicherte Ausweitung der exekutiven Befugnisse, die
Verachtung für das Prinzip der "Check and Balances", die Umwandlung des
von Clinton hinterlassenen Haushaltsüberschusses in ein gigantisches
Defizit und das Versagen vor und nach der Katrina-Katastrophe in
Louisiana.
"Ein
Lied zu Bush und New Orleans müsste ein Blues werden"
Selbst
Andrew Jackson, staunt Wilentz, habe es noch vermocht, New Orleans vor den
Briten zu retten, das entsprechende Lied wurde von vielen Generationen
gesungen. "Sollte man ein Lied zum Thema Bush und New Orleans komponieren,
es müsste ein Blues werden."
Jedes
dieser Versagensmerkmale allein würde Bush schon für den Negativrekord
qualifizieren, die Summe aber katapultiert ihn in nie gesehene Sphären.
Und dieser Essay wurde geschrieben, bevor das ganze Ausmass der illegalen
Abhöraktionen und Kommunikationskontrollen durch den elektronischen
Supergeheimdienst NSA bekannt wurde.
Seitdem
sind vor allem die Äusserungen von prominenten Republikanern in den
Nachrichten, und die klingen nach blankem Entsetzen: "Wollen Sie uns
weismachen, dass zehn Millionen amerikanischer Bürger mit Al Qaida in
Verbindung stehen?" wütet der republikanische Senator Arlen Specter. Der
ehemalige Ideologe der konservativen Revolution, Newt Gingrich, sagte auf
eine Frage eines Reporters nach dem Abhörprogramm: "Schauen Sie, ich
werde mich nicht hinstellen und das Unverteidigbare verteidigen. Die
Regierung muss das dem amerikanischen Volk erklären, und zwar in vollem
Umfang."
Dass
gerade ein republikanischer Präsident den Staat aufbläht, die Kompetenzen
von Polizei und Geheimdiensten auch im Inneren ausweitet und Geld ausgibt,
als gäbe es kein Morgen, kann die "Wall Street Journal"-Kolumnistin Peggy
Noonan nur noch dialektisch erklären: "Es gibt zwei Kulturen: die in
Washington und die zu Hause, im Wahlkreis." Sie schreibt, dass die
republikanische Parteiführung zwar das Machtsicherungsverfahren in
Washington beherrsche, aber abgespalten sei von der Lebenswirklichkeit im
Lande. "Die Republikaner sind wie Schuhmacher, die schöne, perfekte
Schuhschachteln herstellen, aber keine Schuhe, um sie hineinzulegen."
Selbst der
Kolumnist David Brooks, der seit seinem Buch über die Bourgeois Bohemiens
jede Äusserung der linksliberalen Elite in den Medien unter
salonsozialistischen Trendverdacht stellt und das Gegenteil behauptet,
konstatiert, dem Land gehe es schlecht, nicht materiell, sondern mental:
Es leide unter "einer tief greifenden Vertrauenskrise in die
Institutionen, einem Verlust der staatlichen Autorität in
unübersichtlichen Zeiten". Als Kolumnist fühle er sich aber zum
Trostspenden verpflichtet - nichts ist ihm mehr zuwider als linke
bildungsbürgerliche Schwarzmalerei -, daher verweist er auf den kommenden
Machtwechsel innerhalb der Parteien, wo sich moderatere, überparteiliche
Kandidaten in letzter Zeit besser behaupten. Bushs Zeit, tröstet er seine
Leser, sei unweigerlich abgelaufen.
Grenzwertige Scherze über Cheney
Und
Bush selbst? Entwickelt die gleiche Reaktion, die man bei Schock- und
Traumaopfern beobachten kann: Er steht neben sich. Beim
traditionellen Empfang für die Korrespondenten des Weissen Hauses hatte er
sein eigenes Double mitgebracht, den Parodisten Steve Bridges,
der laut aussprach, was der Präsident angeblich leise denkt, ein seltsames
Verdopplungsritual, wie man es bislang nur aus Zaire kannte. Dabei
verschwammen aber die Texte. Der Präsident gab nicht immer nur den weissen
Clown, sondern gierte nach Pointen. Eine ging zu Lasten seines Vize: "Dick
Cheney ist ein guter Mensch mit einem guten Herzen ... na, er ist
ein guter Mensch." Selbst wer Cheney nicht mag, findet solche Scherze über
dessen schwere Herzkrankheiten grenzwertig. Bush musste sich
gegenüber seinem politisch so erdrückenden Vize wohl mal Luft machen.
Verdopplung und Entkopplung - das Verhältnis von Medien und Regierung, von
Politik und Bürgern ist in den Vereinigten Staaten gerade in eine völlig
neue dramatische Phase getreten.
Schon
schade, dass unsere nationalen Medien sich währenddessen mit der Frage
herumschlagen, wer der Anti-Antiamerikanischere ist. Wir reden nur mit uns
selber. Der öffentliche Diskurs in Zeiten der Grossen Koalition: Eine
einzige grosse Rückkopplung.
Quelle:
spiegel-online
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Wen
wundert es, dass Cheney „schwer herzkrank“ ist? |