USA halten Venezuelas
Aussenminister fest
US-Sicherheitsbeamte
haben am Samstag den venezolanischen Aussenminister Nicolas Maduro nach
dessen Aussagen mehr als anderthalb Stunden auf dem New Yorker Flughafen
festgehalten. Er sei auf seiner Heim-reise von der UN-Vollversammlung
schikaniert und bedroht worden, berichtete Maduro. Ausserdem hätten die
Beamten seinen Pass und sein Flugticket eingezogen. Das
US-Aussenministerium entschuldigte sich bei dem Minister und der Regierung
in Caracas.
Venezuelas
Chefdiplomat Maduro
wurde mit Schlägen gedroht
Anlass für den Zwischenfall war offensichtlich, dass Maduro nach einer
Sicherheitskontrolle einen bereits über-prüften Gegenstand wieder an sich
nehmen wollte. Das habe ihm das Personal verweigert. Dem Minister zufolge
verschlimmerte sich die Situation noch, nachdem er sich als Venezuelas
Chefdiplomat zu erkennen gegeben habe. "Sie fingen an, mich zu beschimpfen
und zu schreien. Dann brachten sie einen Polizisten und begannen, uns
Schläge anzudrohen." Als Vertreter des US-Aussenministeriums eintrafen,
habe er zunächst aufgeatmet: "Doch dann befahlen sie uns, Beine und Arme
auszubreiten, damit die Polizei uns durchsuchen kann." Erst eine
Delegation unter Leitung des venezolanischen UN-Botschafters Francisco
Arias Cardenas habe ihn wieder freibekommen, sagte Maduro.
Verdacht
"terroristischer Aktivitäten"
Die US-Beamten am Flughafen hätten ihn zudem wegen seiner angeblichen
Teilnahme am missglückten Putschversuch im Jahr 1992 "terroristischer
Aktivitäten" bezichtigt. Der BBC zufolge soll Maduro wegen dieser Frage
einem Metalldetektortest unterzogen worden sein, den er nicht bestand.
Daraufhin wurde ihm der Pass entzogen. "Jetzt habe ich keine Papiere mehr
und kann nicht reisen", empörte sich der Minister in dem Inter-view.
US-Einwanderungsbeamte hätten ihm erklärt, dass er durch einem Vermerk in
seinen Unterlagen als "Fast-Terrorist" abgestempelt war.
"Beschämende
Situation"
Der Aussenminister sprach von einer "beschämenden Situation" und einem
"Angriff auf internationales Recht". UN-Generalsekretär Kofi Annan hat
bereits ein Team von Anwälten auf den Vorfall angesetzt. Der Lateiname-rika-Experte im US-Aussenministerium, Thomas Shannon, reagierte
in einem Telefonat befremdet.
USA bedauern
"Zwischenfall"
Der Sprecher im US-Aussenministerium, Gonzalo Gallegos, bestätigte und
bedauerte den "Zwischenfall". Die US-Regierung habe sich bei Maduro und
der venezolanischen Regierung entschuldigt. Dagegen hatte ein Spre-cher im
Heimatschutzministerium zunächst die Vorwürfe des Ministers
zurückgewiesen. Maduro sei lediglich zu einer zusätzlichen
Sicherheitskontrolle gebeten worden. Es gebe keine Belege dafür, dass er
"angegriffen, fest-genommen oder in Gewahrsam genommen wurde, noch wurden
seine Reisepapiere beschlagnahmt". Ein Mit-arbeiter des Weissen Hauses in
Washington sagte CNN, die Beamten hätten nicht gewusst, wen sie sich vor
sich hatten. Maduro hätte eine zweite Überprüfung verweigert. Dies habe zu
dem Zwischenfall geführt.
Zusammenhang mit
Chávez-Rede?
Venezuelas Vize-Präsident José Vicente Rangel bezeichnete die Behandlung
des Ministers als "unerhörten Angriff" und stellte sie in Zusammenhang mit
Chávez' Schimpfkanonade während der UN-Vollversammlung. In einer Rede
hatte dieser US-Präsident George W. Bush unter anderem als "Teufel",
"Lügner" und "Tyrannen" bezeichnet.
Supermacht am Pranger
Venezuelas
Präsident Huga Chávez sprach vom Teufel. Sein bolivianischer Amtskollege
Evo Morales schimpfte US-Präsident George W. Bush einen Neokolonialisten.
Selbst Costa Ricas Präsident Oscar Arias Sánchez warf den USA in seiner
Rede vor der UN-Vollversammlung in New York "abgrundtiefe Irrationalität"
vor. Die derzeitige Generaldebatte von Staats- und Regierungschefs aus
aller Welt trägt deutlich mehr anti-amerikanische Untertöne als die
vergangener Jahre.
Angst vor dem
Untergang
Kritisiert wird der Irakkrieg und die Rolle der USA im Nahen Osten. Viele
sind verbittert über "unfaire" Handels-bedingungen. Die ärmsten Staaten
klagen, dass das reichste Land der Welt ihnen nicht mehr Beistand bietet.
Dass Washington nur vier Prozent seiner Rüstungsausgaben für
Entwicklungshilfe hergibt. Kleine Inselstaaten sehen ihre Existenz durch
den steigenden Meeresspiegel gefährdet - eine Folge der globalen
Erwärmung, an der Amerika als grösster Energieverbraucher massgeblich
beteiligt ist.
Imperialistische
Strategien auf der Bestsellerliste
120 der 192 UN-Mitgliedstaaten ergriffen in der ersten Woche das Wort. Die
traditionelle Aussprache, eine Art Kummerkasten der Welt, wird noch bis
Mittwoch fortgesetzt. Hier staunten und klatschten die Delegationen
kräftig, als Chávez den US-Präsidenten als "Teufel persönlich"
beschimpfte. Hier bekreuzigte sich der venezo-lanische Regierungschef und
empfahl den Amerikanern, bei Noam Chomsky über die imperialistischen
Strate-gien ihrer US-Regierung nachzulesen: Das Buch des
regierungskritischen Amerikaners stieg seit der Rede von Chávez auf Platz
eins der Amazon-Bestsellerliste.
Unsichere Welt
"Milliarden armer Menschen verlieren die Geduld, weil ihr Hunger sie
nachts nicht schlafen lässt", warnte Süd-afrikas Präsident Thabo Mbeki die
Vollversammlung. Costa Ricas Präsident Sánchez hielt Washington vor: "Seit
dem 11. September 2001 sind zusätzliche 200 Milliarden Dollar in die
globale Rüstung geflossen, und das ohne auch nur einen Indikator dafür,
dass die Welt seitdem sicherer ist."
Vision einer neuen
Ordnung
Papua Neuguineas Ministerpräsident Sir Michael T. Somare kreidete den USA
und anderen Industrieländern an, die Bedingungen für den globalen Handel
so festgeschrieben zu haben, dass diese ihren Vorsprung noch ver-grössern.
Der Leiter der kubanischen Delegation, Esteban Lazo, rief die Blockfreien
Staaten auf, "den irrationalen Versuchen der Supermacht USA, die die Erde
kontrollieren will, zu trotzen." Irans Präsident Mahmud Ahmadi-nedschad
bot seine Vision einer neuen Weltordnung an, die den Einfluss der USA
unter anderem bei den Ver-einten Nationen empfindlich einschränken würde.
Anti-amerikanische
Untertöne
Washingtons UN-Botschafter John Bolton, der seine Zweifel an der
Weltorganisation schon häufig klar zum Ausdruck gebracht hatte, sieht sich
durch Angriffe auf Washington bestätigt. Die anti-amerikanischen Untertöne
würden der Bevölkerung endlich die wahre Gesinnung der Vereinten Nationen
zeigen, sagte er der Presse. "Wenn die Länder ihren Gefühlen hier freien
Lauf lassen, liegt das wohl daran, dass sie an diesem Ort Beloh-nung dafür
erwarten können", sagte Bolton zu den Verbal-Attacken von Chávez und
Morales.
"Ein gutes Geschäft"
Dagegen reagierte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ganz
pragmatisch. Man dürfe nicht vergessen, dass die Delegationen aus aller
Welt reichlich Geld in die Stadt trügen. "Das ist ein gutes Geschäft für
uns".