Pressemitteilung des Aussenministeriums
Vortrag des
Russischen Präsidenten D. A. Medwedew
am 5. Juni 2008 in Berlin
(Übersetzung aus dem Russischen im Auftrag des Petersburger Dialog
e.V. und des Deutsch-Russischen Forums)
D. Medwedew:
Sehr
geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen!
Ich
bitte Sie um etwas Geduld, denn mein Vortrag ist relativ lang,
aber er wird, so hoffe ich, Sie nicht langweilen.
Ich
bedanke mich für die Möglichkeit, vor Vertretern aus Politik und
Gesellschaft in Deutschland sprechen zu können. Hier sind Personen
versammelt, die eine jahrelange Zusammenarbeit mit Russland
verbindet. Personen, deren persönliche Initiative, geschäftliche
Qualitäten und kreative Projekte den Geist der Partnerschaft und
der Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Staaten und Völkern
weiterentwickeln.
Es
ist in Vielem gerade Ihren Anstrengungen zu verdanken, dass unsere
Kontakte heute so inhaltsreich, regelmäßig und umfassend sind. In
denke, dass mein erster Besuch in Deutschland in meiner
Eigenschaft als Präsident der Russischen Föderation der weiteren
Gestaltung und Festigung dieser Kontakte dienen wird.
Russland und Deutschland – das sind zwei europäische Länder, denen
die Geschichte schwierige Bewährungsproben auferlegt hat. Indem
sie Schritt um Schritt gegenseitiges Vertrauen aufgebaut haben,
haben sie ein wahrhaft einzigartiges Beispiel für Europa gegeben
und wesentlich dazu beigetragen, eine
Atmosphäre des wachsenden Vertrauens auf dem gesamten
europäischen Kontinent zu prägen.
Trotz der Tragödie der zwei Weltkriege
ist es uns gelungen, die schwierige Aufgabe der historischen
Aussöhnung abschließend zu lösen.
Dies nicht nur, weil es ein Gebot der Zeit war. Eine maßgebliche
Rolle spielten dabei die
gesamteuropäischen Werte und humanistischen Ideale, die
untrennbarer Bestandteil der Kultur Russlands und des vereinten
Deutschlands sind. Ich stimme meinem Kollegen, Herrn
Vizekanzler Steinmeier zu, dass die deutsch-russischen Beziehungen
in bedeutendem Maße europäisch-russische Beziehungen sind.
Viele Menschen fragen sich jetzt, welche Politik von Russland zu
erwarten ist. Mir wurde diese Frage auch schon mehrmals gestellt.
Ich möchte von vornherein sagen:
In
internationalen Angelegenheiten, aber auch innerhalb unseres
Landes, werden wir in erster Linie auf
der Hoheit des Rechts bestehen, darauf, dass alle
Staaten – insbesondere die führenden – sich an
das internationale Recht
halten. Dies ist zweifelsohne eine der wichtigsten
Voraussetzungen, um die globale Entwicklung weiterhin lenkbar zu
gestalten. Besonders jetzt, da die künstliche Bipolarität durch
ein natürlicheres polyzentrisches internationales System abgelöst
wird, dessen Stützpfeiler die Organisation der Vereinten Nationen
ist.
Deren Gründerväter, die Gründerväter der
UNO, haben Vieles
vorausgesehen. Dem Wesen nach ist die UNO eine Organisation, die
dazu berufen ist, ein Zusammenwirken auf gleichberechtigter
Grundlage zu ermöglichen. Ich möchte gleich anmerken, dass es
keine andere ähnliche Organisation gibt und, aller Voraussicht
nach, in den nächsten Jahren auch nicht geben wird. Versuche, die
UNO durch „exklusive Formate“ zu ersetzen (Vorschläge dazu werden
von Zeit zu Zeit unterbreitet), würden für die gegenwärtige
Weltordnung absolut zerstörerische Folgen haben.
Natürlich bedarf es der Modernisierung der UNO, um die
Gegebenheiten der gegenwärtigen multipolaren Welt adäquat
wiederzugeben. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, den
Sicherheitsrat auf der Grundlage eines breiten Konsenses der
Mitgliedstaaten der UNO zu reformieren. Wir schätzen die
Bemühungen Deutschlands, Kompromisslösungen in dieser Frage zu
finden, welche die UNO nicht spalten würden.
Die
zukünftige Weltordnung ist unmittelbar mit den Geschicken Europas,
der gesamten euro-atlantischen Region und somit mit dem Schicksal
der europäischen Zivilisation insgesamt verbunden.
Ich
bin überzeugt, dass die Probleme Europas so lange nicht gelöst
werden können, wie es nicht gelingt, die Identität Europas, die
organische Einheit aller ihrer integralen Bestandteile
einschließlich der Russischen Föderation zu erreichen. Denn mit
der Überwindung des sowjetischen Systems und dem Verzicht auf
seine Restauration in einem gewissen historischen Zeitraum hat
Russland die Grundlagen für den Aufbau eines Staates geschaffen,
der mit dem anderen Teil Europas – besser gesagt, mit dem Besten,
was das gemeinsame Erbe der europäischen Zivilisation ausmacht,
voll und ganz kompatibel ist
Wenn
man sich der bildhaften Sprache von John le Carré bedient, könnte
man sagen, dass Russland heute „aus der Kälte zurückgekehrt ist“ –
nach fast einem Jahrhundert Isolation und Selbstisolation. Und
gegenwärtig kehrt Russland in die globale Politik und Wirtschaft
zurück, mit allen seinen natürlichen, finanziellen und
intellektuellen Ressourcen und Potentialen.
Russland setzt auf Innovationen. Die bestehenden stabilen
makroökonomischen Parameter und die hohe finanzielle, soziale und
politische Stabilität eröffnen für ernsthafte Akteure auf dem
europäischen und dem Weltmarkt neue Perspektiven für sichere und
zeitgerechte Investitionen.
Unsere Ziele heute sind neben einem qualitativen
Wirtschaftswachstum auch die Transformation der gesamten sozialen
Struktur unserer Gesellschaft, einschließlich der Förderung des
sich schnell entwickelnden Mittelstandes.
Nur der Mittelstand kann zu einer
stabilen Säule für die Entwicklung der Demokratie und für eine
nachhaltige Entwicklung insgesamt werden.
Heute zeichnen sich die Konturen unserer neuen und langfristigen
Wirtschaftspolitik deutlich ab, deren Kernstück die vollwertige
und umfassende Modernisierung der Schlüsselbranchen in der
Industrie und der Infrastruktur ist. Im Grunde geht es dabei um
eine technologische Revolution, und hier sehen wir als eine
unserer unbedingten Prioritäten die Zusammenarbeit mit den
europäischen Staaten in diesem Bereich.
Ich
werde auf diese Fragen später noch näher eingehen. Eines liegt
jedoch auf der Hand:
Der
freie Markt und die Öffnung gegenüber dem Ausland sind die
Garantie dafür, dass die Veränderungen in unserem Land unumkehrbar
sind.
Durch die Beendigung des kalten Krieges wurden Bedingungen
geschaffen, die eine wirklich gleichberechtigte Zusammenarbeit von
Russland, der Europäischen Union und Nordamerika als den drei
Pfeilern der europäischen Zivilisation ermöglichen.
Ich
bin überzeugt, dass der Atlantismus als einziges Prinzip
historisch veraltet ist – heute geht es um einen einheitlichen
euro-atlantischen Raum von Vancouver bis Wladiwostok. Das Leben
selbst macht dieses Zusammenwirken erforderlich.
Wenn
wir aber über die Gestaltung neuer zukunftsweisender Beziehungen
zwischen den Staaten Europas sprechen, so beunruhigt die Tendenz,
selektiv und politisiert an unsere gemeinsame Geschichte
heranzugehen.
Hier
sollte es nach meinem Verständnis ehrliche und ganz normale
wissenschaftliche Debatten geben. So wird z. B. die Bedeutung der
deutsch-russischen Versöhnung ganz offensichtlich unterbewertet.
Für das friedliche zukünftige Europa ist sie jedoch nicht minder
bedeutsam, als zum Beispiel die Versöhnung zwischen Frankreich und
Deutschland.
Unter anderem sollte klar werden, wozu Marginalisierung und
Isolierung von Staaten, die Bildung von Zonen mit
unterschiedlichem Sicherheitsstatus oder die Ablehnung einer
gesamtregionalen kollektiven Sicherheitsordnung führt. Leider gibt
es diese Dinge heute in Europa.
Wir dürfen auch nicht zulassen, dass uns unser gemeinsames
geistig-moralisches Gut genommen wird, welches für uns der Große
Sieg über den Faschismus darstellt.
Es darf nicht vergessen werden, dass zur materiellen Kultur
Europas, die während des Krieges erhalten werden konnte,
Abermillionen Opfer der Völker der Sowjetunion und anderer
europäischer Völker gehören.
Lassen sie uns genau analysieren, wie es gegenwärtig in Europa
aussieht. Es ist nicht zu übersehen, dass die gegenwärtige
Architektur Europas den Abdruck einer Ideologie trägt, die wir aus
der Vergangenheit übernommen haben. Man müsste annehmen, dass die
neu erworbene Einheit der europäischen Zivilisationen durch eine
Organisation wie die OSZE
verkörpert werden sollte. Aber diese Rolle wird ihr nicht
zugestanden, es wird nicht zugelassen, dass sie sich zu einer
vollwertigen gesamtregionalen Struktur entwickelt.
Dabei geht es hier nicht nur darum, dass ihr institutioneller
Aufbau noch unvollkommen ist. Es wird durch andere Strukturen
verhindert, die auf die Wiederherstellung der Blockpolitik
programmiert sind.
Die
NATO schafft es ebenso nicht, ihrer Existenz einen neuen
Sinn zu verleihen. Gegenwärtig wird versucht, diesen Sinn mit der
globalisierten Mission der Allianz zu begründen, dies u. a. unter
Verletzung der Prärogativen der UNO, von denen ich gerade
gesprochen habe, sowie durch die Gewinnung neuer Mitglieder. Es
ist aber offensichtlich, dass dies keine Lösung für die gestellte
Aufgabe sein kann.
Es
ist auch von der Möglichkeit die Rede, die weitere Erweiterung der
NATO gen Osten gegen „etwas Anderes“ einzuwechseln. Meiner
Meinung nach sind das alles Illusionen. Ich bin überzeugt, dass
dies unsere Beziehungen zur NATO schlichtweg untergraben und ihnen
damit für sehr lange Zeit grundlegend schaden würde. Natürlich
wird es zu keiner Konfrontation kommen. Aber der Preis dafür wäre
trotzdem sehr hoch. Unseren Beziehungen würde damit
ernstzunehmender Schaden zugefügt.
Es
gibt wohl kaum ein anderes Beispiel, welches so gut die
Übereinstimmung der grundlegenden Sicherheitsinteressen zwischen
der NATO und Russland belegt, wie Afghanistan. Wir leisten unseren
Partnern, die in diesem Land tätig sind, bereits aktive
Unterstützung. Auf dem NATO-Russland-Gipfel in Bukarest haben wir
einen weiteren wichtigen Schritt getan, indem wir uns über den
Landtransit nichtmilitärischer Güter über das Gebiet der
Russischen Föderation geeinigt haben. Die Arbeiten zur Nutzung
unserer Militärtransportflugzeuge stehen kurz vor dem Abschluss.
Russland baut die Möglichkeiten für die Ausbildung von Personal
für Drogen- und Terrorbekämpfungsstrukturen Afghanistans aus. Das
sind Gebiete, auf denen wir arbeiten sollten.
Dies
Alles ist von immanenter Bedeutung für die Erfüllung der Aufgaben,
welche die internationale Gemeinschaft, vertreten durch den
Sicherheitsrat der UNO, stellt. Darf diese Zusammenarbeit dem
Fortleben des Blockdenkens zuliebe aufs Spiel gesetzt werden?
Es
ist meine Überzeugung, dass es einer offenen und ehrlichen Klärung
aller gegenwärtig vorhandenen Befürchtungen bedarf, wenn wir beim
Aufbau eines wahrhaft großen Europas vorankommen wollen. Und wenn
unsere Vorgänger es unter den Bedingungen des kalten Krieges
geschafft haben, die Schlussakte von Helsinki auszuarbeiten
(welche übrigens als rechtliche Grundlage der europäischen Ordnung
trotz allem die Prüfungen der Zeit bestanden hat), warum sollten
wir dann heute nicht den nächsten Schritt tun? Und das wäre die
Ausarbeitung und der Abschluss eines juristisch verbindlichen
Vertrages über die europäische Sicherheit. Vertragsseiten könnten
auch die gegenwärtig im euroatlantischen Raum agierenden
Organisationen sein.
Übrigens gab es bereits in der Vergangenheit Versuche, einen
solchen Vertrag zu schließen. Ich erinnere nur an den
Briand-Kellogg-Pakt von 1928. Damals konnte er noch nicht
funktionieren, und so teilte er das traurige Schicksal des
Völkerbundes. Unter gegenwärtigen Bedingungen, da niemand mehr
einen Krieg in Europa wünscht und wir alle aus den Lehren des 20.
Jahrhunderts klug geworden sind, hätte ein solches Übereinkommen
Erfolgschancen.
Dabei könnte es um einen regionalen
Pakt gehen, der natürlich
auf den Prinzipien der UN-Charta basiert und endgültige
Klarheit über den Faktor Stärke in den Beziehungen der
euroatlantischen Gemeinschaft schaffen würde. Dadurch würden auch
die Fragen der Unteilbarkeit von Sicherheit und die Probleme der
Rüstungskontrolle in Europa, welche bei allen zu Besorgnis führt,
in ihrer Gesamtheit gelöst.
Ich
möchte Ihnen auch vorschlagen, über einen
gesamteuropäischen Gipfel
nachzudenken, der dann vielleicht den Start für die Ausarbeitung
eines solchen Vertrages bilden könnte. Dabei wäre es allerdings
wichtig, dass alle – absolut alle Staaten Europas – in ihrer
nationalen Eigenschaft daran teilnehmen und ihre Block- oder
sonstigen Gruppeninteressen vor der Tür lassen. Ausgangspunkt für
alle sollten, wie man so schön sagt, die „nackten“ nationalen
Interessen sein, unbeeinflusst von irgendwelchen ideologischen
Erwägungen.
Die Hauptsache besteht meiner Ansicht nach darin, dass wir ohne
Einsparungen bei militärischen Ausgaben nicht die nötigen
Ressourcen finden können, die wir für eine effiziente Antwort auf
die eigentlichen Herausforderungen wie illegale Immigration,
Klimaveränderung und globale Armut benötigen.
Stärke ist kein Mittel, um diese Aufgaben zu lösen. Hier gilt es,
an ihren Ursachen anzusetzen und die Probleme zu ergründen, die zu
den genannten Bedrohungen führen.
Dazu
gehört im Übrigen auch die globale Nahrungsmittelkrise, die
heute nicht nur die materielle Existenz der Menschen bedroht,
sondern auch Fragen der Ethik umfasst, wenn mit außerordentlich
geringer Energieeffizienz Lebensmittelkulturen in Brennstoffe
umgewandelt werden.
Dazu
gehört auch die Energiesicherheit,
die ohne kollektive Anstrengungen aller an der Energiekette
Beteiligten nicht gewährleistet werden kann.
Es
war Russland, das dieses Thema auf dem G-8-Gipfel in Sankt
Petersburg angesprochen hat. Aber wir müssen hier weiter gehen –
auf der Grundlage der seinerzeit vereinbarten Prinzipien. Wir sind
bereit, gemeinsam mit der Europäischen Union an einem
Frühwarnmechanismus im Energiesektor zu arbeiten, natürlich unter
Einbeziehung der Transitländer.
Wir
sind auch bereit, die Frage internationaler Konsortien zu
erörtern, welche als Betreiber von Transitpipelines fungieren
könnten und an denen Firmen aus Russland, der Europäischen Union
und der Transitländer beteiligt sind. Übrigens wäre das genau die
gegenseitige Abhängigkeit, von der wir in Europa und der
globalisierten Welt insgesamt sprechen.
Neben dieser produktiven Arbeit an der Ausgestaltung einer
gesamteuropäischen Strategie sollten wir auch gemeinsam einen
Innovationsdurchbruch
anstreben – ich würde sagen, in Richtung eines gemeinsamen
technologischen Raumes.
Die
europäische Integration kann und darf nicht an den Küsten der
Ostsee oder an den osteuropäischen Grenzen halt machen, und mehr
gegenseitige Investitionen in Hochtechnologiebranchen wären
notwendige Schritte.
Das
geeinte Europa ist objektiv daran interessiert, den Umfang und die
Qualität der russischen Investitionen zu steigern. Wir wollen
Firmen unterstützen, die bereit sind, auf zivilisiertem Wege
Kapital auszuführen und sich gemeinsam für den Aufbau neuer
zukunftsträchtiger Produktionsstätten zu engagieren. Es gibt
bereits Beispiele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit – sogar in
so sensiblen Bereichen wie der Atomenergie, der Tätigkeit im
Weltraum, der Luftfahrttechnik und dem Transportmaschinenbau.
Gleichwohl gibt es heute eine weder wirtschaftlich noch politisch
zu begründende Einschränkung für russische Investitionen in
europäischen Unternehmen und Projekten. Wir sind bemüht, klare
Spielregeln aufzustellen und Meistbegünstigungsklauseln für
ausländische Unternehmer zu schaffen, die bei uns derartige
Hochtechnologien entwickeln. Und wir wünschen uns von unseren
Partnern in Europa den gleichen Ansatz.
Sehr verehrte Damen und Herren, Russland braucht weder Chaos noch
Unbestimmtheit in der heutigen Welt. Wir verfolgen keinerlei
Interessen, die man auf diese widernatürliche Art durchsetzen
müsste.
Oft
hören wir an Moskau gerichtete Aufrufe zur Zurückhaltung.
Zurückhaltung ist von allen gefordert, um eine Eskalation in jeder
Frage zu verhindern und um den Teufelskreis von einseitigen
Aktionen und den Reaktionen zu durchbrechen. Wir sollten uns von
den Versuchen lossagen, Ereignisse zu forcieren und eine Politik
geschaffener Tatsachen zu verfolgen. Zunächst wäre es gut, einfach
eine Bedenkpause einzulegen
und sich umzuschauen, wo wir gelandet sind und worauf wir uns
einlassen – sei es nun Kosovo, die NATO-Erweiterung
oder die Raketenabwehr.
Es
ist auch recht symptomatisch, wenn im Westen von vielen die
vorhanden Meinungsverschiedenheiten mit Russland so interpretiert
werden, dass es einfach nötig wäre, die russischen Sichtweisen an
die westlichen anzupassen. Aber wir brauchen eine solche
„Umarmung“ nicht. Wir müssen gemeinsame Lösungswege finden. In
einigen Fällen sagt man uns einfach: Hört auf euch in
internationalen Angelegenheiten so stachelig und widerborstig zu
zeigen, die Probleme der demokratischen Entwicklung und der
Einhaltung von Menschenrechten sind sekundär, davor verschließen
wir unsere Augen. Und dann werden uns andere Länder als Beispiel
genannt, mit denen man ebenso verfährt, und die sich damit
arrangieren.
Ich
möchte Ihnen aber sagen, dass uns so etwas nicht zusagt. In erster
Linie aus dem Grund, dass wir die
Menschenrechte zu den grundlegenden und elementaren Werten zählen.
Sie dürfen nicht als Tauschobjekt dienen. Deshalb sind
wir bereit zu besonnenen und ehrlichen, gleichberechtigten
Gesprächen, egal zu welchen Themen.
Ich
möchte in diesem Zusammenhang noch einmal anmerken,
dass die Demokratie in Russland und in
Europa gemeinsame Wurzeln hat. Wir haben ein
einheitliches Wertesystem, gemeinsame rechtliche Wurzeln, gebildet
durch das römische, deutsche und französische Recht. Ich habe
bereits wiederholt gesagt, dass eine Demokratie dem Wesen nach
immer historisch und national begründet ist. Und wir haben eine
gemeinsame Geschichte und gemeinsame humanitäre Werte. Das bildet
die Grundlage für unser Denken und ermöglicht es uns heute, eine
gemeinsame Sprache in Recht und Wirtschaft und, wie ich hoffe,
auch in der Politik zu sprechen.
Liebe Kollegen, im Zusammenhang mit dem soeben Gesagten halte ich
es für wichtig, noch einen weiteren Fragenkomplex genauer zu
beleuchten, der sich mit der Entwicklung des russischen
politischen Systems befasst. Diese Fragen sind derzeit von
Interesse, was sicherlich auch normal ist.
Leider stoßen wir hier jedoch auf Missverständnisse, manchmal auch
einfach auf verzerrte Vorstellungen davon, wie sich diese Prozesse
bei uns gestalten.
Wir
messen dem Ausbau des politischen Systems und der Entwicklung
zivilgesellschaftlicher Institute große Bedeutung bei.
Zunächst möchte ich etwas über den Aufbau einer entwickelten und
handlungsfähigen Parteienlandschaft sagen. Diese Aufgabe stand in
unserem Land seit Anbeginn der demokratischen Veränderungen. Ich
muss gestehen, hier haben wir einen schwierigen Weg hinter uns:
Von der Entstehung einer Vielzahl von kleinen Eintags- und
Einpersonenparteien bis hin zur Gründung von großen,
einflussreichen und verantwortungsbewussten Parteiorganisationen.
Natürlich ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen. Wenn wir
über den Aufbau von Parteien sprechen, vergessen wir oft, dass in
vielen Ländern – u. a. auch in Deutschland – diese Prozesse
Jahrzehnte in Anspruch genommen haben. Wir dagegen befassen uns
damit gerade zehn Jahre lang. Trotzdem sind wir optimistisch,
schon allein aus dem Grund, dass in den letzten zwei
Legislaturperioden der Staatsduma – unseres Parlaments – bereits
vier Parteien ihre Wähler vertreten.
Beim
Aufbau eines stabilen und berechenbaren Parteiensystems hat die
Novellierung des Wahlgesetzes eine große Rolle gespielt. Es geht
dabei in erster Linie um das Verhältniswahlsystem und die recht
hohen Anforderungen, den Zensus an die Parteien, die Wählerstimmen
geltend machen. Das war eine bewusste Entscheidung, um die
Parteienlandschaft in unserem Land zu stärken und eine
Verzettelung zu verhindern.
In
meinen Augen waren dies nicht nur gerechtfertigte, sondern auch
notwendige Schritte. Sie entsprachen natürlich sowohl unseren
Vorstellungen, als auch internationalen Werten und den
Erfordernissen des russischen politischen Systems.
Die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen bleibt ebenso
ein unbedingter Schwerpunkt in unserer Arbeit.
Wie Sie wissen, wurde der überwiegende Teil dieser Organisationen
bis 2006 im wesentlichen durch das Ausland finanziert. Ich glaube
nicht, dass sich irgendein anderes entwickeltes westliches Land
damit abgefunden hätte, wenn ihr „dritter Sektor“ ausschließlich
durch ausländisches Kapital finanziert würde. Deshalb haben wir
beschlossen, eigene Mittel für die Förderung russischer Strukturen
der Zivilgesellschaft bereitzustellen. Diese Entscheidung war
gesetzmäßig. Gegenwärtig geben wir Jahr für Jahr immer mehr und
mehr Geld für die Unterstützung dieser
Nichtregierungsorganisationen aus – u. a. auch aus dem
Staatshaushalt. Auch die erfolgreiche Arbeit der
Gesellschaftskammer kann hier nicht unerwähnt bleiben. Das Leben
selbst hat den Bedarf danach nachgewiesen. Das ist ein Gremium,
welches die Grundlage für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft
im Allgemeinen schafft.
Wir sind überaus daran interessiert, dass möglichst viele
Nichtregierungsorganisationen entstehen, die sich mit Fragen der
kommunalen Selbstverwaltung befassen, mit der Förderung von
Toleranz und Eintracht zwischen den Vertretern unterschiedlicher
Nationalitäten.
Eine
recht positive Rolle spielt auch der kontinuierliche
interkonfessionelle Dialog. Übrigens hat sich bei uns in den
letzten Jahren die Anzahl der eingetragenen religiösen
Vereinigungen verfünffacht.
Wir
sehen jedoch auch, dass die Spannungen zwischen den Völkern
zunehmend globalen Charakter annehmen. Für viele europäische
Länder sind sie bereits zu einem absolut realen, bestehenden
Problem geworden. Ich bin der Meinung, dass wir unsere
Anstrengungen bündeln sollten, um gemeinsame Lösungsansätze für
diese wirklich schwierigen Aufgaben zu finden.
Einige Worte möchte ich auch zu einem anderen, gegenwärtig sehr
aktuellem Thema sagen, welches mit den Medien in Verbindung steht
und mit deren Freiheiten. Ich bin völlig damit einverstanden,
dass die Freiheit der Medien geschützt
werden muss – geschützt im Rahmen der Gesetzgebung. Vor
einigen Jahren war es erforderlich, die Medien vor einer
Versklavung durch private Unternehmen zu schützen, jetzt muss
man sie vor dem Verwaltungsapparat auf unterschiedlichen Ebenen
schützen.
Insgesamt jedoch – und das habe ich heute auch mit Frau
Bundeskanzlerin besprochen – stehen
wir bereits an der Schwelle zu absolut freien Medien: Ich meine im
konkreten Fall nicht Russland, sondern die Situation in der Welt
insgesamt, die durch den technologischen Fortschritt geschaffen
wird und hier in erster Linie durch die unaufhaltsam wachsenden
Möglichkeiten des globalen Internet-Netzes. Nur ein
Beispiel: Im Jahr 2000 betrug die Zahl der Internetnutzer in
Russland ca. 3 Millionen Menschen. Im letzten Jahr waren es
bereits zwischen 30 und 35 Millionen – somit fast jeder dritte bis
vierte Bürger Russlands. Nach Meinung der Experten wird sich diese
Dynamik der Entwicklung vehement fortsetzen.
Dieser Umstand bringt es mit sich, dass an erster Stelle nicht
mehr lediglich die Idee freier Medien steht, da diese Freiheit
gegenwärtig bereits durch die modernen digitalen Technologien
gegeben ist, die auch niemand mehr bremsen kann, sondern
die Frage, wie man in diesem gemeinsamen
Informationsraum moralische und kulturelle Werte bewahrt.
Das ist weniger eine nationale als vielmehr eine gesamteuropäische
bzw. weltweite Aufgabe. Im Übrigen stellt dies eine ernste
Herausforderungen an die gesamte Zivilisation dar.
Sehr
geehrte Damen und Herren, die Pläne einer langfristigen
Entwicklung Russlands und der Rolle Russlands in Europa und der
Welt wurden und werden schon des Öfteren auch mit Ihrer
Beteiligung diskutiert – u. a. auf dem Wirtschaftsforum in Sankt
Petersburg – und ich hoffe, dass ich Viele von Ihnen
sprichwörtlich schon morgen wieder in unserer nördlichen
Hauptstadt treffen werde.
Ich
möchte unterstreichen, dass uns sehr wohl bewusst ist, wie
schwierig der innovative Entwicklungsweg ist, den unser Land für
sich gewählt hat. Auch für eine solch leistungsstarke
Wirtschaftsmacht, wie Deutschland, wäre er nicht einfach.
Wir sind daran interessiert, die
wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, die Zusammenarbeit im
Bildungswesen, im Bereich der Mittelstandsförderung und natürlich
auch in großen Unternehmen auszubauen.
Unsere Aktivitäten in der Wirtschaft werden auch weiterhin auf
einer sukzessiven, systematischen Verbesserung des Geschäftsklimas
und dem Abbau von überflüssigen Verwaltungsbarrieren basieren,
auf der Beseitigung von Korruption, die in unserem Land ein
wirklich ernstzunehmendes Problem darstellt,
auf maximaler Förderung kleiner
Unternehmer (meine ersten Entscheidungen waren übrigens
gerade diesen Themen gewidmet), und selbstverständlich auf der
Stärkung von Recht und Gesetz in der Gesellschaft und im Staat
sowie auf dem Aufbau einer effizienten
und unabhängigen Gerichtsbarkeit.
Wir
arbeiten gegenwärtig intensiv an diesen komplizierten und für uns
außerordentlich wichtigen Aufgaben. Und ich wiederhole, dass ihre
Ausgestaltung mit der erfolgreichen Entwicklung eines Rechtswesens
in Verbindung steht – eines Rechts, das die Interessen der
Menschen, ihre Ehre und ihre Würde schützt.
Ich
schlage vor darüber nachzudenken, wie wir in diesen Bereichen
gemeinsame Projekte umsetzen könnten. Ein mögliches Projekt wären
gegenseitige Studienaufenthalte von
Juristen oder Richtern. Ein anderes könnten
gemeinsame Ausbildungsprogramme für
Beamte sein. Eine Grundlage dafür bildet übrigens die
10jährige deutsche Beteiligung am Präsidentenprogramm zur
Fortbildung von Führungskräften.
Ich möchte erwähnen, dass Russland während dieser Zeit ca. 3’500
Jungmanager erhalten hat. Seit 2006
absolvieren jährlich 100 deutsche Teilnehmer Praktika bei uns, um
sich im Bereich der deutsch-russischen Zusammenarbeit
weiterzubilden.
Wir
haben hohen Bedarf an diesen Fachleuten in den russischen
Regionen. Im Zuge ihrer Vergrößerung entstehen neue Perspektiven
einer Zusammenarbeit mit den Bundesländern in Deutschland.
Wir müssen lernen, in einer Sprache zu
sprechen, so wie es in Sankt Petersburg erfolgreich
gelungen ist, oder in den Oblasten Nowgorod, Kaliningrad, Kaluga
und den entsprechenden Bundesländern in Deutschland.
Wir
sind auch daran interessiert, unsere Zusammenarbeit zu den
wichtigsten Problemen der globalen Entwicklung fortzusetzen.
Russland unterstützt unverändert die Bemühungen Deutschlands zur
Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der EU in Fragen Klimaschutz,
u. a. zur Reduzierung der CO2-Ausstoßes
( >Reduzierung der Verbrennung fossiler Brennstoffe und
Eliminierung chemischer Gifte, welche den Brennstoffen beigemischt
werden „müssen“; tst).