Energie-Weltpolitik

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Die Ölkriege   Die Entstehung einer neuen globalen Energieelite bedeutet, dass sich hohe Öl- und Gaspreise verfestigen.

WEB-EXKLUSIV-KOMMENTAR
Von Michael Hirsh

3. Mai 2006 - Es ist ein Mantram des Globalisierungsgedränges. In der heutigen globalen Wirtschaft wir uns gesagt, alles was wirklich zählt ist, welches Land die besten Köpfe und Fähigkeiten produziert. Dabei ist die Welt immer noch eben. Das Spielfeld ist flach.

Falsch, falsch und nochmals falsch.

Was also zählt, so lernen wir, ist, wer die Energiereserven der Welt kontrolliert. Evo Morales' plötzliche Entscheidung in der vorigen Woche, Boliviens Naturgas-Industrie zu nationalisieren, war nur die letzte beunruhigende Bewegung eines langfristigen Trends. Morales, ein im letzten Dezember gewählter, linsgerichteter Präsident, war anscheinend von einem Treffen beeinflusst, das er am letzten Samstag in Havanna mit dem venezuelanischen Präsidenten Hugo Chaves hatte, welcher der internationalen Prominenz einen Schlag verpasste, indem er ziemlich dasselbe mit der Ölindustrie seines Landes machte. Präsident Chavez, der zuoberst auf seinem wachsenden Haufen von Petrodollars sitzt, hat schadenfroh Washingtons Anstrengungen, ihm Zügel anzulegen,  eine lange Nase gemacht. Ganz ähnlich ist der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad trotzig dabei, Uran anzureichern und westlichen Drohungen und Sanktionen zu spotten. Und er denkt offensichtlich, dass er das kann, weil vielleicht niemand damit drohen kann, Irans Ölexporte abzuschneiden als Teil eines bevorstehenden Sanktionierungsplans.

Der Möchtegernzar von dieser neuen globalen Energieelite ist Wladimir Putin. Nachdem er den besseren Teil von seinen sechs Jahren im Amt verbracht hatte, riss er gewaltsam die Kontrolle von seinen landesweiten Öl- und Gasreserven an sich, dadurch spielt der russische Präsident jetzt ein machtpolitisches Spiel 'mit Schlagringen'. Als Putin teilweise die Gaslieferungen in die Ukraine unterbrach und deshalb nach West-Europa in den ersten drei Tagen des Jahres - hauptsächlich um den ukrainischen Präsidenten Juschenko zu zwingen, einen niedrigeren Preis zu nehmen (Es war für meine Begriffe genau andersrum! S.R.) - geriet die EU in einen nahezu panikartigen Zustand. Entsprechend des Energie-Charter-Sekretariats in Brüssel, erwarten die Westeuropäer bis 2020 die Hälfte ihres Gases von Russland zu erhalten, welches über 28 Prozent der Weltgasreserven gebietet, mehr als irgendein anderes Land der Welt. Plötzlich bemerkten die Europäer, dass es nicht viele alternative Lieferanten gibt. Putins vom Kremel kontrollierter Gasmonopolist Gazprom hatte den Vorgänger von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gerhard Schröder, als Berater angestellt. Gazproms Beauftragter, CEO Alexander Medvedev, gab auf einem ökonomischen Forum am Anfang dieses Monats zu, dass sogar Grossbritanniens öffentlicher Versorgungsbetrieb Centrica als ein mögliches Übernahmeziel betrachtet werde. "Mit unserer gegenwärtigen finanziellen Kraft ist es sehr schwierig, eine Gesellschaft zu finden, die nicht auf unserer Kandidatenliste steht“, sagte er.

Was hat all diese geostrategische Grosstuerei mit den in die Höhe schnellenden Preisen an den Gaspumpen zu tun? Zum einen hat die Unsicherheit durch Iran, Irak und Venezuela dem Barrelpreis des Öles $10 - $20 Risikoprämie  gemäss den Analysten der Wall Street hinzugefügt. Die Energiepolitik verspricht auch nichts Gutes für zukünftige Preise wie der US-Energieminister Sam Bodman am letzten Wochenende zu vermuten schien als er sagte, die Amerikaner würden sich daran gewöhnen müssen, $3 und mehr für die Gallone[*] Benzin zu bezahlen (entspr. ~1 Fr./l, was immer noch viel billiger wäre, als bei uns in Europa; tst).

 Heute werden Öl- und Gasexperten in aller Welt nicht nur durch zukünftige Knappheit alarmiert - der Gedanke, dass die Welt die "Öl-Spitze" getroffen hat, scheint wahr zu werden - aber bei wem liegt die Kontrolle des wertvollen Stoffes. Je mehr die Nachfrage nach Energie weltweit explodiert,  umso weniger ist davon verfügbar und umso weniger Erforschung gibt es dafür. Das geschieht teilweise wegen eines Nachlassens des Investments, das durch die Senkung der Ölpreise in den Neunzigern geschaffen wurde. Aber es kommt auch von multinationaler Zusammenarbeit wie ExxonMobil (trotz seiner Rekordgewinne) jetzt gerade 6 Prozent des Umsatzes gegenüber gewaltigen 77 Prozent, die jetzt erzielt werden von juristischen Personen im Staatseigentum entsprechend der Petroleum Finanz Corp., einer in Washington angesiedelten Beratungsgruppe. Staatliche Kontrolle garantiert weniger Effizienz in die Nachforschungen nach Öl und der Extraktion und Raffinationsbehandlung von Treibstoff. Weiterhin geben diese staatlichen Gesellschaften nicht preis, wieviel sie wirklich besitzen oder wie hoch die Produktions- und Explorationsziffern sind. Diese sind zu den neuen Staatsgeheimnissen geworden.

Geräuschlos wächst ausserdem in Washington ein Verständnis für diesen Machtwechsel. Besonders der Preisschock nach dem Hurrikan Katrina - nicht zu erwähnen die sinkenden Umfragewerte, die für Bush folgten - führten die Offiziellen der Administration zu dem Verständnis, wie sehr fragil die Sicherheit der US-Wirtschaft wegen der Energie geworden ist. Nichts damit Vergleichbares geschah seit dem OPEC-Öl-Embargo von 1973. Quellen der Regierung besagen, der Katrina-Effekt, ebenso was die Veränderungen durch Chavez betrifft, standen hauptsächlich hinter dem überraschenden Ruf nach einem Ende von "Amerikas Öl-Sucht" in seiner State-of-the-Union-Ansprache im letzten Januar. Zur gleichen Zeit wurde US-Offiziellen klar, dass es einen tiefen Ärger und Feindschaft gegen die Vereinigten Staaten gibt (besonders wegen US-Anstrengungen, die Ukraine und Georgien für den Westen zu gewinnen), und dass Putin seine eigenen Ziele hat. Ein Beispiel: Obwohl Moskau den westlichen Bemühungen beigetreten ist, Teheran wegen des Nuklear-Programms zu konfrontieren, sind Russland und der Iran dabei, einen gemeinsamen Standpunkt einzunehmen im Widerstehen der US-Anstrengungen, eine transkaspische Pipeline zu bauen, die Gas aus dem russischen System nach Baku in Aserbeidschan umleiten würde.

Putin hat seit langem Ambitionen genährt, den Gebrauch der ausgedehnten russischen Öl- und Gasvorkommen als ein Machtinstrument einzusetzen. In der Mitte der Neunziger, nach 15 Jahren im KGB, ging Putin zurück zur Schule, indem er das Petersburger Bergbau-Institut besuchte. Er verfasste eine Dissertation mit dem Titel "Beitrag zu einer russischen transnationalen Energiegesellschaft." Der Gegenstand: "Wie sind Energieressourcen für grosse strategische Pläne zu nutzen." Es besteht Grund zur Annahme, dass Putins hoch publizierte Konfrontation mit Mikhail Khodorkovvsky, dem ehemaligen Eigentümer der erloschenen Yukos - dem letzten grossen privaten Energiekonzern in Russland - viel mehr war als das Ringen um politische Macht der sogenannten Oligarchen, früherer Apparatschiks, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Kontrolle über Russlands Ressourcen erlangten. Putin ist nicht dafür bekannt, dass er persönlich korrupt ist oder sogar besonders machthungrig. Wonach er hungrig ist - und es tatsächlich war, nachdem er 2000 gewählt worden war - ist eine Wiederherstellung von Russlands Macht und Einfluss. Einige Beobachter glauben, dass Putins auftrumpfender Arrest von Khodorkovvsky - der die nächsten paar Jahre in einem sibirischen Arbeitslager verbringen wird - hauptsächlich wegen des Einnehmens der Kontrolle über den Energiesektor geschah, mehr als das Beiseitedrängen eines politischen Rivalen.

Man ist versucht zu sagen, dass Öl und Gas die neuen strategischen Waffen des 21. Jahrhunderts geworden sind. Aber in einer entscheidenden Hinsicht stimmt das nicht. Als Putin von seiner fehlgeschlagenen Anstrengung, das Gas der Ukraine abzuschneiden - und wie sogar Ahmadinejad gerade lernt - wenn man droht, die Kunden abzutrennen, dann schneidet man nur seine 'eigene Nase ab'. Man muss sein Öl an jemand verkaufen; andererseits ist Rohöl nur schwarzer Dreck. Was bei der Kontrolle von Energie zählt, ist die Anhäufung von Wohlstand und damit von Macht und Einfluss. Wie der frühere US-Unterstaatssekretär Marc Grossmann sagt: "Die Frage ist, was machen sie mit dem Geld."

Die Bush-Administration mag denken, sie habe eine Trumpfkarte im Irak. US-Interessen liegen augenscheinlich bei den weit ausgedehnten und bewährten irakischen Ölfeldern, d.h. den grössten der Welt. Die irakische Ölverwaltung hat 40 Übereinkunfts-Memoranden unterschrieben, viele mit US-Gesellschaften, entsprechend den Quellen der Industriezweige. Unter ihnen geben die Grössten wie ExxonMobil, Chevron und ConocoPhilips technische Ratschläge "frei" an die Regierung (eine typische 'Tür-öffnungs-Strategie' für die Ölindustrie). Herausgefordert bei einer Kongressanhörung im März, war CENTCOM-Befehlshaber General John Abizaid so frei, zu vermuten, dass Öl nicht der Grund gewesen sei, dass Amerika in den Krieg eintrat, es aber einen entscheidenden Grund für Amerikas Verbleiben liefern würde. "Die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten haben vitale Interessen an der ölreichen Region," sagte Abizaid. "Letzten Endes verschaffen die niedrigen Preise den freien Güterfluss und die Ressourcen, von denen der Wohlstand von unserer eigenen Nation und jedem anderen in der Welt abhängt."

Aber nach drei Jahren des explodierenden Ärgers gegen die US-Besatzung, wäre es absurd zu denken, dass die irakische Regierung nicht auch das nationalistische 'Insekt' fangen möchte, das sich weltweit verbreitet und welches ein Ergebnis zu sein scheint sowohl von Antiglobalisierungsgefühlen als von Anti-Amerikanismus. "Ich denke, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass amerikanische Gesellschaften einige bedeutsame Positionen im Irak haben werden," sagte J. Robin West, der Kopf der Petroleum Finanz Corp. "Auf der anderen Seite denke ich, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass der Petroleumsektor von amerikanischen Gesellschaften dominiert werden wird. Wir sind wirklich nicht wegen Öl in den Krieg eingetreten und ich denke, dass wir zu diesem späten Zeitpunkt nicht den Anschein erwecken sollten, dass wir es so erscheinen lassen sollten, als ob wir es deswegen taten." ExxonMobil-Sprecher Russ Robberts fügt hinzu, "Das irakische Öl gehört dem irakischen Volk. Wenn das irakische Volk bestimmt, dass es die Hilfe von internationalen Ölgesellschaften zur Entwicklung seiner Ressourcen wünscht, dann würde ExxonMobil gewiss interessiert sein, sich daran zu beteiligen."

Was bedeutet das alles? "Willkommen im Zeitalter der Energieunsicherheit," sagt West, ein früherer Offizieller der Reagan-Regierung (und Freund von Dick Cheney, dem Mann der einmal Erhaltung der Energie als eine "persönliche Tugend" bezeichnete). "Weltweit wird die Produktion kränkeln. Das Ergebnis werden in die Höhe schiessende Preise sein mit einem grossen, anhaltenden ökonomischen Schock. Arbeitsplätze werden verloren gehen. Ohne aktiv zu werden, wird die Krise bestimmt Energierivalität mit sich bringen, wenn nicht sogar Energiekriege. Gewaltige Vermögen werden voraussichtlich verlagert, möglicherweise weg von den Vereinigten Staaten. In den letzten zwanzig Jahren hatte die US-Politik die Produktion gehemmt und zum Verbrauch ermutigt. Wenn wir noch weiterhin zittern, werden wir einen schrecklichen Preis bezahlen, das ökonomische Äquivalent ein Hurrikan der Kategorie 5. Katrina hatte die Kategorie 4."

Washington erscheint ebenso hilflos in der Vorbereitung auf diese Krise wie es in der Erwartung des Hurrikan Katrina erschien. Wie wir in den letzten Wochen gesehen haben, zittert der Kongress noch vor solchen albernen Vorlagen wie eine 100-$-Rückvergütung an Benzin-Verbraucher. Aber republikanische Führer sträuben sich davor, Vorschläge zu unterstützen, die wirklich einen Unterschied ausmachen könnten wie eine neue Benzinsteuer, welche die US-Verbrauchsgewohnheiten und ein ernstes Ansteigen des CAFE-(Corporate average fuel-economy)-Standards, welcher von den Autoherstellern fordert, der Anforderung einer durchschnittlich zurückgelegten Anzahl von Meilen entgegenzukommen. Mit der GOP wird wegen der Kontrolle des Kongresses später im Jahr ein erbitterter Kampf entstehen, solche Massnahmen werden als politisch schmerzhaft betrachtet. Es könnte für die Amerikaner noch viel mehr Schmerzen auf der Strasse geben, jedenfalls an Putins Händen und denen seiner energiereichen Verbündeten.

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[*] 1 US.liq.gal. = 3,78 Liter1 petroleum barrel = 42 US.gal. = 159 Liter

Übersetzung:  Siegmar Reichert            Hervorhebungen:  Thyl Steinemann

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